Ansprache zum Fest der Heiligen Teresa von Avila (15.10.2026)

Die Quelle
im Inneren
Liebe Brüder und Schwestern,
es wird unter uns, die wir heute zum Gottesdienst zusammengekommen sind, wohl kaum jemand sein, dem ich die Heilige des heutigen Tages, die hl. Teresa von Ávila oder Teresa von Jesus, wie sie sich ab 1562 nannte, erst noch vorstellen muss. Darum möchte ich jetzt lieber fragen: Wenn sie jetzt hier stünde, was würde sie uns dann wohl sagen wollen?
Ich glaube, sie würde uns an zwei Punkte erinnern, die sich als unerschöpfliche Schatztruhen erweisen, wenn wir uns auf sie einlassen. Dabei stehen sie jedem und jeder von uns kostenlos zur Verfügung, ohne dass wir das zuerst verdienen müssten. Wir brauchen nur zuzugreifen.
Die erste Schatztruhe, die wir gar nicht ausschöpfen können, ist das Freundschaftsangebot Gottes in Jesus. Das steht uns allen offen. Er wartet sehnsüchtig darauf, dass wir uns darauf einlassen, ganz gleich, was in unserem Leben vielleicht alles schon war. Wenn wir glauben, dass Jesus als Auferstandener in der Fülle Gottes lebt und von Gott aus bei uns ist, dann ist er mehr als nur eine inspirierende Gestalt der Vergangenheit. Dann können wir hier und jetzt mit ihm in Beziehung sein - inneres Beten, nennt Teresa das. Wenn sie hier stünde, würde sie uns ermutigen, dieses Freundschaftsangebot anzunehmen und ihm konkret Anteil an unserem Leben zu geben: "Er leistet uns Gesellschaft, und wenn uns das einmal zur Gewohnheit geworden ist, ist es ganz leicht, ihn an unserer Seite zu finden," schreibt sie (Leben 22,10). Und da sie das Evangelium, das wir eben gehört haben, sehr liebte, würde sie vermutlich hinzufügen: Mach es doch wie die Sameriterin, bitte ihn einfach dir das Quellwasser zu geben, das nur er geben kann.
Diese im Herzen gelebte Freundschaft mit Gott in Jesus ist zugleich der Schlüssel zur zweiten Schatztruhe: zur inneren Quelle, die wir alle in uns tragen. Unser Inneres mag sich zwar manchmal wie das reinste Chaos anfühlen, aber im Tiefsten schlummert in uns ein ungeahnter Reichtum, der nur darauf wartet, gehoben zu werden. Von dieser inneren Quelle, die Gott selbst ist, hat die Seele ihre Schönheit und Würde und ihre Lebenskraft. Doch wir leben oft unter unserer Würde. In unserem Innern ist Sehnsucht nach Gott, nach Liebe, Güte und Frieden, aber es sind in uns manchmal auch ganz andere, destruktive Kräfte am Werk. Teresa findet ein wunderbares Bild für eine Seele, die so durchlässig für Gott geworden ist, wie es von Ihm her gedacht ist. Wir dürfen sie uns, sagt sie "wie eine Burg vorstellen, die gänzlich aus einem einzigen Diamanten oder sehr klaren Kristall besteht und in der es viele Gemächer gibt, so wie es im Himmel viele Wohnungen gibt (Joh 14,2)" (1M 2,1)
Warum spricht Teresa von einem Diamanten oder einem sehr klaren Kristall? Beide Steine sind nicht nur kostbar, sondern so transparent, dass sie das Licht wunderbar reflektieren und weiterleiten. In dem Moment, wo wir ganz mit Gott verbunden sind, ist unsere Seele so klar und transparent, dass sie das Licht Gottes, der in der innersten Mitte unserer Seele wohnt, ungetrübt bis in den letzten Winkel unserer Seele und auch in die Außenwelt hinein ausstrahlt. Anders ausgedrückt: Unsere Seele wird umso durchlässiger für das Licht und die Liebe Gottes, je tiefer sie mit Gott verbunden ist. Doch wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass es in unserem Innern nicht nur Helles und Schönes gibt, sondern auch Trübes und Unschönes. Teresa betont jedoch, und das ist tröstlich: Die Würde und die Schönheit unserer Seele können zwar getrübt werden, aber letztlich kann sie uns niemand nehmen, denn sie hängen unmittelbar damit zusammen, dass wir "nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen" sind:
"Die strahlende Sonne in der Seelenmitte verliert ihren Glanz und ihre Schönheit nicht, da sie immer in ihr ist und ihr nichts ihre Schönheit nehmen kann." (Erste Wohn. 2,3).
Teresa ruft uns zu: "Geht hinein, geht hinein in euer Inneres!" (Dritte Wohnn. 1,6), Für diesen Weg nach innen, auf dem wir Gott, aber auch uns selbst besser kennenlernen - und das ist der schwierigere Teil -, wählt Teresa das Bild einer inneren Reise durch sieben Wohnräume, die wie sieben Kreise konzentrisch ineinander greifen. Die Siebenzahl ist symbolisch gemeint; sieben steht in der Bibel für ein umfassendes Ganzes. Sieben, das sind unendlich viele, weil „Gott die Seelen auf vielen Wegen führt“ (Sechste Wohn. 7,12); und das ganz individuell:
„Der Herr führt jede [Seele] so, wie er sieht, dass sie es braucht.“ (Sechste Wohn. 8,10)
Teresas Weg durch diese Wohnungen ist kein Fahrplan, an den wir uns alle zu halten haben, und erst recht kein Stufenweg, auf dem wir uns von Stufe zu Stufe abquälen, bis wir schließlich auf der siebten ankommen - oder auch nicht. Und überhaupt: Teresas kastilische Heimat ist zwar das Land der Burgen, aber das sind massive Wehranlagen, keine Wohnburgen. Das Nachwort ganz am Ende des Buches gibt uns einen Tipp. Dort heißt es, dass wir "in dieser inneren Burg ... jederzeit herumspazieren" dürfen, denn es gebe dort ganz viele Wohnräume. Und was sie dann beschreibt, findet man so nur in einer arabischen ḥiṣn, d.h. einer orientalischen Schlossburg mit Wohnungen "oben und unten und an den Seiten, mit hübschen Gärten und Brunnen und Labyrinthen und so entzückenden Dingen, dass ihr euch vor Lobpreisungen auf den großen Gott, der dies nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, am liebsten auflösen wolltet" (Nachw. 3).
Geht es Ihnen beim Zuhören wie mir? Ich muss an ein Märchenschloss aus 1001 Nacht denken. Für unsere Spaziergänge durch die herrliche Welt in unserem Innern gibt uns Teresa einen einzigen Rat mit auf den Weg: Wo ihr gerade steht, ist unwichtig;
"richtet eure Augen auf die Mitte, den Raum oder Palast, wo der König - GOTT selbst also - weilt" (Sechste Wohn., 2,8).
Sr. Elisabeth Peeters